Meine Reise vom ahnungslosen Ersti zur Tutor(-heldin?)

Ein Bericht von Tina Böttger, Tutorin TH Köln

Als ich im ersten Semester meine allererste Vorlesung besuchte, ging ich voller Elan in die Veranstaltung und kam ziemlich entmutigt wieder aus dem Audimax. Unmittelbar vor einer der Ausgänge blieb ich stehen und ließ meinen Rucksack direkt wieder auf den Boden gleiten. Der Saal war riesig und dementsprechend viele Menschen strömten nun an mir vorbei nach draußen, während ich mir durch den Kopf gehen ließ, was da gerade passiert war und ob das Informatik­ Studium überhaupt das Richtige für mich war. Schon fünfzehn Minuten vor Veranstaltungsbeginn waren kaum noch Plätze vorhanden gewesen. In der letzten Reihe sitzend spürte ich zunächst eine räumliche Distanz zum Professor, die sich bald auch in alle anderen Bereiche ausgeweitet hatte. DBlock_leerie Folien flogen an mir vorbei, die Worte prasselten auf mich ein, während mein Kopf schon raus gezoomt hatte – und so ging es nicht nur mir. Vereinzelte Studenten, die sich beteiligten, wurden von der Masse angeschaut wie Aliens von einem fremden Planeten. „Streber“ rief einer, aber sein Gesichtsausdruck konnte eine gewisse Verzweiflung nicht verstecken.

In der nächsten Woche besuchte ich das Tutorium zur Vorlesung. Dieses Mal war kein Elan vorhanden, ich war ernüchtert und hatte Angst, wieder nur Bahnhof zu verstehen. Und dann kam Viktor, unser Tutor in den Raum, stellte seinen Laptop auf, schrieb seinen Namen an die Tafel und fragte uns nach der ersten Übungsaufgabe. Keiner regte sich, es erinnerte an die Schule, wie wir versuchten Augenkontakt zu meiden. Viktor lachte erst Mal lauthals, während wir alle stumm und versteinert da saßen. „Mensch, Leute, habt keine Angst, aus euch werden schon noch Informatiker. Es ist noch kein Programmierer vom Himmel gefallen.“ Da war die Angst nur noch halb so groß. In der Mitte des Semesters hatte unser Tutor es geschafft, dass die Angst komplett durch Spaß ersetzt worden war. ich mich gut vorbereitet für die Prüfung, aber auch mehr als das, ich war zuversichtlich, dass ich das Studium packen würde, wenn ich auf dem Weg zum Abschluss mehr Tutoren und Tutorinnen wie Viktor treffen würde.

Es gingen noch einige Semester ins Land, bis ich verstand, wie Tutoren wie Viktor meine Demotivation beseitigt hatten und es schafften, mich für ihr Fach zu begeistern. Ich erinnere mich noch ziemlich genau an die Physik-Vorlesung, welche aus endlosem Abschreiben von Tafeln voller Formeln bestand. Die Entscheidung war Mitdenken und vergessen oder Schreiben und nichts verstehen. Die Übung wurde ebenfalls durch den Professor geleitet und fand in einem kleinen Raum im Altbau statt. Der bevorzugte Platz der Studenten beschränkte sich trotz des mangelnden Platzangebotes auf die hintersten Reihen, die zwei vordersten Reihen waren bis auf einzelne Unglücksraben komplett frei. Während wir auf den Dozenten warteten, gab es kaum Gespräche stattdessen nervöse Blicke auf leeres Kästchenpapier. Die Aufgaben hatte niemand so richtig bearbeitet, denn schon letzte Woche war der Großteil nicht mehr mitgekommen. Niemand beschwerte sich, als der Dozent erst zwanzig Minuten später mit einem KaffeBlock_Aufgabe_1e erschien und sofort anfing, die Sitzordnung und die mangelnde Teilnahme am letzten Tutorium zu bemängeln. Als es auf die Frage nach den Aufgaben für heute keine Regung im Raum gab, begann der allwöchentliche Vortrag über unsere bescheidene Zukunft. Mit den Worten: „Durchfallen werdet ihr, und zwar alle!“ drehte er sich anschließend zur Tafel um und begann, Aufgabe 1 anzuschreiben.

So viel schaffte ich noch abzuschreiben, aber meine Motivation war bereits in einen unmessbaren Bereich gesunken, so klein, dass sogar das Planksche Wirkungsquantum, die allerkleinste Energie­ Einheit, groß erschien. So kam es, dass ich anschließend nur noch aus dem Fenster starren konnte und in einen Tagtraum vom perfekten Tutorium verfiel.

„Wir gingen in den Raum und am offenen Fenster stand schon der lächelnde Tutor und begrüßte uns freundlich: „Kommt rein und sucht euch einen Platz aus.“ Es dauerte nicht lange und jeder Arbeitsplatz im Raum war belegt. Nach etwas Smalltalk begann der Tutor schließlich, die Agenda für den heutigen Tag anzuschreiben. „Und wenn wir dies abgearbeitet haben, dann seid ihr dem Bestehen der Klausur wieder ein Stückchen näher. Gibt es eigentlich noch Fragen zum letzten Tutorium?“ Als sich auf die Frage niemand rührte, kam noch ein ermunternder Nachtrag: „Denkt dran, es gibt keine dummen Fragen“ und die Menge stimmte raunend mit ein, da wir es schon hundert Mal gehört hatten „nur dumme Antworten“, woraufhin der Tutor zu Lachen begann. „Sehr richtig. Also?“ Und siehe da, nicht nur mir war noch eine Frage eingefallen. Nachdem die Fragen beantwortet waren, bildeten wir kleine Gruppen, die unterschiedliche Aufgabenstellungen behandeln sollten und auf einem Poster die Ergebnisse festhalten. Der Tutor ging dabei rum, verteilte Kekse und lobte mich für eine ausgefallene Idee. Bei einer anderen Gruppe freute er sich über deren Elan und riet ihnen „noch tiefer in die Materie vorzudringen.“ Die letzte Gruppe war noch ziemlich hilflos vor einem leeren Plakat versammelt. Statt die Gruppe weiter unter Druck zu setzen, nahm der Tutor sich einen Stuhl und setzte sich dazu. „Wir kriegen das hin.“ Die Doppelstunde endete mit der Präsentation der Ergebnisse. Dabei legte der Tutor wert darauf, dass jeder einzelne  zu Wort kam. Abgerundet wurde  das ganze durch Feedback, an dem sich alle beteiligen konnten.

„Frau Böttger, haben sie gerade von der Lösung dieser Gleichung geträumt? Falls ja, würde ich sie gerne einmal laut für alle erfahren.“ „Nein, habe ich nicht“, murmelte ich verlegen“. Das habe ich mir gedacht. Für alle, “ und mit diesen Worten schrieb er weiter und Papierknäueldrehte mir wieder den Rücken zu. Ich knüllte das Papier zusammen, auf dem noch fein säuberlich Aufgabe 1 stand, steckte den Füller in die Tasche und stand auf. Und während ich den Raum verließ, fügte ich in Gedanken noch hinzu „…und das ist nicht meine Schuld.“ Denn egal wie motiviert man als Student ist, ein schlechter Tutor kann einen im Handumdrehen, oder besser gesagt „im Rücken zu drehen“, wieder demotivieren.

Erst wenn ich weiß, wozu ich das ganze lerne und meine Ziele klar sind. Erst wenn ich beim Stoff mitkomme und mein „auf der Strecke bleiben“ den Tutor beunruhigt. Erst wenn meine kleinen Fortschritte auf Lob und Anerkennung treffen und die Atmosphäre im Tutorium voller Optimismus und Arbeitseifer ist. Erst wenn innovative und Block_Aufgabe_1_Smileyinteraktive Arbeitsmethoden auf einen zuverlässigen und vertrauensvollen Tutor treffen. Erst durch die richtige Kombination all dieser Faktoren kann das volle Potential einer motivierenden Arbeitsatmosphäre ausgeschöpft werden.