Proseminar „Migration im Film“ in Kooperation mit der türkischen Universität Mersin. Exkursion in der Projektwoche

Die Projektwochen werden am ITMK nicht nur für reine ProfiL²-Aktivitäten genutzt!

Frau Meyer und die an der türkischen Universität Mersin lehrende Frau Schwerger haben gemeinsam ein Proseminar geplant und durchgeführt, das durch die Reise der deutschen Studierenden in der Projektwoche nach Mersin gekrönt wurde. Von den vier Tagen Aufenthalt in Mersin waren drei ganztägige Seminare, am vierten Tag wurden die Projektergebnisse institutsöffentlich in Mersin präsentiert (programm-projektwoche-in-mersin).

Frau Meyers und Frau Schwergers Ausgangsfrage lautete:

Wie kann über räumliche und kulturelle Grenzen hinweg ein gemeinsames Proseminar geplant und durchgeführt werden?

Wie sah die Lehrveranstaltung konkret aus?

Das Learning Outcome

Was?
Die Studierenden sollten lernen, anhand eines kulturübergreifenden Themas ihre eigene kulturelle Prägung zu erkennen und zu reflektieren. Die Projektwoche sollte es ermöglichen, Eigen- und Fremdwahrnehmung kritisch zu hinterfragen.

Für die deutsche Studierendengruppe war von Bedeutung: Es sollte keine Diskussion ÜBER das Leben türkischer Migranten in Deutschland sein, die sich mit Hilfe der ausgewählten Filme führen lässt, sondern ein Gespräch MIT türkischen Studierenden über einige Beispiele deutsch-türkischer Filmproduktion.

Die türkische Studierendengruppe hatte größtenteils ein ausreichend gutes Sprachniveau, um die Diskussionen führen zu können. Einige waren in Deutschland geboren, fast alle hatten familiäre Beziehungen zu Deutschland oder Erasmus-Erfahrungen in Deutschland.

Wie?
…indem sie …

  • die ausgewählten Filme in ihren jeweiligen monokulturellen Gruppen diskutierten und ihre Erkenntnisse über eine Lernplattform austauschten
  • die durch die Filme aufgeworfenen Fragen vertiefend behandelten und für die Projektwoche Kurzreferate vorbereiteten
  • die Kurzreferate in der Projektwoche präsentierten und ihre Thesen zur Diskussion stellten
  • während der Projektwoche in gemischtkulturellen Arbeitsgruppen die Schlusskonferenz vorbereiteten und sie in ihren Beiträgen zur Konferenz die wichtigsten Ergebnisse der Seminartage darstellten.

Gestaltung und Ablauf der Lehrveranstaltung

  1. Organisatorisches

Ein Problem bei der Durchführung stellten die unterschiedlichen Semesterzeiten dar. Die türkischen Studierenden fangen einige Wochen früher an und ihr Semester endet Mitte Mai – genau zur Zeit unserer Projektwoche. Dieses organisatorische Problem ließ sich folgendermaßen lösen:

Die Mersiner Studierenden befassten sich zunächst mit der Geschichte der türkischen Arbeitsmigration nach Deutschland in den 60er Jahren. Bei der ersten Filmbesprechung ging es dort um den Film von Halit Tefiğ “Bir Türk’e gönül verdim” (Ich liebte einen Türken), der  nicht in deutscher Übersetzung vorliegt. Dieser Film handelt von einer Deutschen, die sich mit ihrem kleinen Sohn versucht, an die dörfliche türkische Gesellschaft anzupassen.

Von da an konnte die Behandlung der Filme parallel laufen: Sowohl in Mersin als auch in Köln wurden die Filme „40 qm Deutschland“ aus den 80er Jahren und „Auf der anderen Seite“ aus 2008 angesehen und besprochen. Mit der Projektwoche war für die Mersiner Studierenden das Semester zu Ende. Da am ITMK das Proseminar durch eine Hausarbeit abgeschlossen werden muss, konnte die zweite Semesterhälfte dem Thema wissenschaftliches Schreiben gewidmet werden.

  1. Austausch über die Lernplattform Moodle

Geplant war für die erste Semesterhälfte – vor der Projektwoche – die Diskussion vorgegebener Fragen unter den Studierenden über die Lernplattform Moodle. Leider ließ sich das nicht wie geplant umsetzen, da es immer wieder Zugangsprobleme für die deutschen Studierenden zur Mersiner Moodle-Installation gab. Als Alternative wurde in Facebook eine geschlossene Gruppe für beide Studierendengruppen eingerichtet. Diese Gruppe diente auch dem vorbereitenden Kennenlernen und der Organisation der Unterbringung.

  1. Projektwoche

Die deutschen Studierenden waren alle privat entweder bei den Familien oder in Wohngemeinschaften untergebracht. Das förderte den Zusammenhalt und den Austausch unter den Studierenden.

Es folgten drei intensive Seminartage (detailliertes Programm im Anhang), bei denen sehr unterschiedliche, durch die Filme aufgeworfene Fragen diskutiert wurden. Alle Teilfragen waren durch Kurzreferate – entweder aus Mersin oder aus Köln – vorbereitet worden und wurden im Plenum zur Diskussion gestellt.

Zu den am heißesten diskutierten Fragen gehörte:

  • die unterschiedliche Konzeption von Schicksal und Zufall in der türkischen und der deutschen Gesellschaft
  • die in Deutschland und der Türkei unterschiedliche Wertigkeit von codifiziertem Recht und den nicht schriftlich fixierten aber durch die Tradition in Familie und Gesellschaft ebenso gültigen – teilweise sogar wichtigeren – Gesetzen und Verhaltensmaßregeln.
  1. Konferenz

Dem abschließenden Zusammentragen der Ergebnisse und der öffentlichen Darstellung des Kooperationsprojekts diente am 4. Tag eine institutsöffentliche Konferenz, bei der die Studierenden in deutsch-türkisch gemischten Gruppen ihre Erfahrungen und Erkenntnisse darstellten. In einem abschließenden – sehr anrührenden Beitrag – wurde von einem türkischen Studierenden in deutscher Sprache und einer deutschen Studierenden in türkischer Sprache ein Gedicht zum Thema „Freundschaft“ vorgetragen. Die Studierenden zeigten sich überzeugt, dass die relativ kurze Zeit des gemeinsamen Arbeitens zu dauerhaften Freundschaften geführt hat.

  1. Resonanz vor Ort

Auf welche große Resonanz das Kooperationsprojekt in Mersin stieß, kann man einerseits an der großen Zuhörerschaft bei der Konferenz im größten Hörsaal des Mersiner Instituts ablesen. Andererseits fand die örtliche Presse unser Projekt so interessant, dass sie uns 1 ½ Seiten in der Lokalzeitung mit Pressefotos und ausführlichem Bericht widmete.

Rückmeldungen der Studierenden

Bei der Evaluation zeigte sich ungeteilte Begeisterung der Studierenden. Besonders beeindruckt waren sie von der unglaublichen Gastfreundschaft, Hilfsbereitschaft und Offenheit der türkischen Studierenden.

Was am meisten kritisiert wurde, war, dass die Projektwoche durch den Feiertag vor Pfingsten um einen Tag verkürzt war!

Weitere Schritte

Die Kolleginnen Schwerger und Meyer sind sich einig, dass gerade bei den gegenwärtig sich verschlechternden Beziehungen zwischen den beiden Ländern das Projekt in den kommenden Semestern unbedingt weitergeführt werden sollte. Aber auch die Studierenden, die teilgenommen haben, machen bereits bei ihren KommilitonInnen Werbung für eine Teilnahme bei nächster Gelegenheit.

Zunächst wäre es schön, wenn ein Gegenbesuch der türkischen Studierenden während der Projektwoche des Sommersemesters 2017 realisiert werden könnte.

Im August 2016

Ulrike Meyer, OStR